GGG, Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie in Berlin



Artikel des Monats (April 2017)

Ab Februar 2017 stellen wir Ihnen hier monatlich eine interessante aktuelle wissenschaftliche Publikation vor.

Die Auswahl trifft ein Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der GGGB, das auch die Zusammenfassung erstellt und ggf. die Forschungsergebnisse kommentiert.
Perinatal outcomes in a subsequent pregnancy among women who have experienced recurrent miscarriage: a retrospective cohort study.
K. Field and D.J. Murphy
Human Reproduction 30 (5): 1239-1245.




Hintergrund:

Fehlgeburten sind häufig. Bei klinischen Schwangerschaften liegt die Rate an Fehlgeburten etwa bei 20%. Die Wahrscheinlichkeit für eine Fehlgeburt ist altersabhängig. Der Hintergrund liegt meist in einer Aneuploidie (ungleiche Verteilung der Chromosomen) der Eizellen.

Rezidivierende Fehlgeburten sind selten. Es betrifft nur 1-3% aller Paare, die schwanger werden möchten.

Risikofaktoren sind das Alter, anormale elterliche Zytogenetik, endokrine Störungen (Hypothyreose), uterine Pathologie (Septen), das Antiphospholipid-Syndrom und Thrombophilien (wenngleich sich letztere nicht gut therapieren lassen).

Fragestellung:

Wie gestaltet sich der spätere Schwangerschaftsverlauf von Frauen, die drei oder mehr Fehlgeburten hatten. Wie ist deren Geburtsverlauf?

Methode:

In einer retrospektiven Kohortenstudie wurden 30.053 Frauen untersucht: Nur Einlingsschwangerschaften im Untersuchungszeitraum Januar 2008 bis Juli 2011. Untersuchungsort war eine geburtshilfliche Klinik in Irland mit 8500-9000 Geburten jährlich (!!).

Die Diagnosestellung für wiederholte Fehlgeburten war relativ eng (drei oder mehr Fehlgeburten). Dabei wurden 2030 Frauen mit wiederholten Fehlgeburten (Achtung: Große Fallzahl!) mit 28.023 Frauen verglichen, die keine wiederholten Fehlgeburten hatten.

Studienergebnisse:

Frauen mit wiederholten Fehlgeburten waren deutlich häufiger übergewichtig, hatten mehr Kinderwunschbehandlungen (Assisted conception: Ovulationsinduktion intrauterine Insemination, IVF/ICSI) und einen frühen perinatalen Kindstod.

Frauen mit wiederholten Fehlgeburten hatten eine erhöhte Inzidenz für Frühgeburt (< 37 Schwangerschaftswochen) in 8,1% gegen 5,5% des Normalkollektivs (adjOR 1,54, 95% CI 1,21-1,84).

Zugleich deutlich höheres Risiko für sehr frühe Frühgeburt (< 32 Schwangerschaftswochen) von 2,2% gegen 1,2% des Normalkollektivs (adjOR 1,80, 95% CI 1,28-2,53).

Der perinatale Kindstod war außerdem häufiger: 1,2 gegen 0,5 des Normalkollektivs (adjOR 2,66, 95% CI 1,70-4,14).

Die Resultate für die gefundenen Auffälligkeiten waren unabhängig von der Frage, ob es sich um primäre oder sekundäre wiederholte Fehlgeburten handelt.

Schlussfolgerung für die Praxis:

In der klinischen Schwangerschaftsbetreuung überwiegt zunächst die Freude über eine eingetretene Schwangerschaft nach wiederholten Fehlgeburten für alle Beteiligten (Frau, Paar und Frauenarzt). Wenn 12 Schwangerschaftswochen erreicht wurden, sind die Gefahren für späte Fehlgeburten eher gering. Frühgeburten sind aber ein wesentliches Problem.

Es scheinen Faktoren, die entweder durch das Verhalten bedingt sind (Übergewichtigkeit) oder möglicherweise genetische Faktoren (die wir bisher noch nicht kennen), eine Bedeutung zu haben.

Die betreuenden Frauenärztinnen und Frauenärzte sollten wissen, dass die Risiken für sehr frühe Frühgeburt und Frühgeburtlichkeit erhöht sind.

Möglicherweise ist der Entschluss zum Kaiserschnitt auch iatrogen bedingt, um möglichst eine "sichere" Entbindung zu gewährleisten.



Prof. Dr. Heribert Kentenich

Fertility Center Berlin
Spandauer Damm 130, Haus 14
14050 Berlin


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Aktualisierung: 11.04.2017




Artikel des Monats (März 2017)

Chaoui R, Orosz G, Heling KS, Sarut Lopez A, Nicolaides KH. Maxillary gap at 11-13 weeks' gestation: marker of cleft lip and palate. Ultrasound Obstet Gynecol 2015; 46: 665- 669



Hintergrund

Lippen-Kiefer-Gaumenspalten (LKGS) gehören mit einer Inzidenz von 1:500 bis 1:1000 zu den häufigsten Fehlbildungen des Menschen. LKGS können isoliert auftreten, aber auch Teil von zahlreichen chromosomalen und genetischen Erkrankungen sein. Aus diesem Grunde wird im vorgeburtlichen Ultraschall gezielt nach ihnen gesucht. Im Rahmen des Erst-Trimester-Screening (ETS) mit der Nackentransparenz (NT) -Messung werden bis dato die LKGS kaum entdeckt. In einer großen Studie von Feten ohne Chromosomenstörungen wurde nur 1 von 20 LKGS im ETS entdeckt (Syngelaki et al. 2011). Der Vorschlag, gezielt das Gesicht in einer Frontalansicht einzusehen, um im retronasalen Dreieck eine LKGS auszuschliessen (Sepulveda et al. ), wird von vielen Untersuchern oft als zusätzlicher Aufwand angesehen und nur sporadisch angewandt.

Studie

In der o.g. vorgelegten Studie haben Chaoui et al. (2015) beobachtet, dass die Standardebene, die für die NT-Messung verwendet wird, auch für die Diagnose einer LKGS verwendet werden kann. In der midsagittalen Ebene des Profils wurde bisher vorwiegend auf Nasenbein und Nackengegend geachtet. Aber in dieser Ebene wird auch der Oberkiefer in einer sagittalen Einstellung abgebildet. Liegt eine (große) LKGS vor, so kann in dieser Einstellung eine Lücke im Bereich des Kiefers gefunden werden, ggf. mit Protrusion des vorderen Anteils. Diese wurde "maxillary gap" (Maxilla-Lücke) bezeichnet.



Diese Beobachtung erfordert im Screening keinen zusätzlichen Aufwand, da das Bild ohnehin immer eingestellt wird. In einer Studie an 2 pränatalen Zentren in Berlin und London wurden 96 Fälle mit einer LKGS retrospektiv untersucht, die auch ein ETS im Vorfeld bekamen. Obwohl bereits 24% der LKGS Fälle prospektiv entdeckt worden waren, fanden die Autoren, dass die retrospektive Analyse der Bilder des midsagittalen Gesichtsprofils eine "maxillary gap" in 96% der LKGS mit assoziierten Anomalien und 65% der isolierten LKGS zeigte. Diese einfache Beobachtung könnte in ETS integriert werden, um die Entdeckungsrate des LKGS zu erhöhen. Die Autoren weisen auch darauf hin, dass bei normalen Feten die Verknöcherung des Oberkiefers nicht immer mit 12 SSW abgeschlossen ist und gelegentlich im vorderen Drittel des Kiefers eine kleine "Lücke" in 7% der Fälle gefunden wird, die aber immer kleiner als 1,5mm war.

Fazit

Diese Beobachtung ist von großer Bedeutung, denn ohne zusätzlicher Aufwand kann bei der Einstellung des Profils für die NT- und Nasenbein-Messung im ETS, auch der Kiefer nach einer "maxillary gap" untersucht werden. Wird eine Lücke vermutet, so kann der Befund in einer Frontalansicht bestätigt oder widerlegt werden. Somit lässt sich die Entdeckungsrate bis auf über 65% steigern, denn man muss auch bedenken, dass sich kleine LKGS auch früh in der Schwangerschaft der Diagnostik enziehen werden.



Prof. Dr. med. Rabih Chaoui
Praxis für Pränataldiagnostik
Friedrichstraße


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Aktualisierung: 09.03.2017



  • Syngelaki A, Chelemen T, Dagklis T, Allan L, Nicolaides KH. Challenges in the diagnosis of fetal nonchromosomal abnormalities at 11-13 weeks. Prenat Diagn 2011; 31: 90-102

  • Sepulveda W, Wong AE, Martinez-Ten P, Perez-Pedregosa J. Retronasal triangle: a sonographic landmark for the screening of cleft palate in the first trimester. Ultrasound Obstet Gynecol 2010; 35: 7-13

Artikel des Monats (Februar 2017)

BREASTFEEDING MEDICINE Volume 12, Number 1, 2017:
Effect of Exclusive Breastfeeding Among Overweight and Obese Mothers on Infant Weight-for-Length
Percentile at 1 Year
Hui Yeung, M. Leffand Kyung, E. Rhee




Übergewichtige Kinder zeigen diverse gesundheitliche Risiken auf. So ist eine Zunahme der kindlichen Erkrankungen aus dem metabolischen Formenkreis zu beobachten. Diverse Studien zeigen einen deutlich positiven Effekt des Stillens und der Muttermilchernährung auf die Vermeidung von Übergewichtigen Kindern auf (Harder, Bergmann, Kallischnigg, & Plagemann, 2005; Owen, Martin, Whincup, Smith, & Cook, 2005; Rodekamp et al., 2005). Das Übergewicht der Mutter ist hierbei ein zusätzlicher Faktor für Übergewichtigkeit des Kindes im Kindergartenalter (Buyken et al., 2008).

Der Frage, die auch häufig von den Müttern gestellt wird, ob sich die Übergewichtigkeit der Mütter auf diesen günstigen Effekt der Muttermilchernährung auswirkt oder gegebenenfalls sogar negative Effekte zu erwarten sind, ist nunmehr in einer longitudinalen prospektiven Studie in Kalifornien untersucht worden.
An der California University wurde in Zusammenarbeit mit der US Food and Drug Administration und dem Centers for Disease Control and Prevention (CDC) zwischen 2005 und 2007 über 1800 Mütter - Kind Paare bis zu einem Jahr post partum regelmäßig nachverfolgt. Einbezogen wurden in die Studie über 900 Mütter.
Neben den üblichen sozialen und gesundheitlichen Parametern, erfolgte die Einteilung der Mütter nach ihrem praepartalen BMI in drei Gruppen: Normal weight (BMI 18.5-24.9) n:437, Overweight (BMI 25-29.9)n: 256, Obese (BMI >30) n:222. In monatlichen Nachuntersuchungen und Befragungen, wurden unter anderem die Kinderernährung sowie die Längen- und Gewichtsentwicklung der Kinder erhoben.

Es zeigte sich, dass die Mütter der normalen BMI Gruppe signifikant häufiger ihre Kinder über 4 Monate ausschließlich stillten. Ein Effekt der schon in anderen Studien gezeigt werden konnte und aufzeigt, dass die Übergewichtigkeit der Mütter einen Einfluss auf den Stillbeginn und die Stilldauer hat (Donath & Amir, 2000). Diskutiert werden hierbei Effekte, die mit der Insulinresistenz und der Prolaktinausschüttung vermutet werden.

In allen drei Gruppen zeigte sich die signifikante Auswirkung des ausschließlichen Stillens über vier Monate auf die Längen-Gewichtsentwicklung der Kinder nach einem Jahr. Hoch signifikant war diese bei Kindern normgewichtiger und fettleibiger (obese) Mütter mit p < 0.01. Bei den übergewichtigen Müttern zeigte sich der Effekt zwar noch signifikant, aber etwas mit p = 0.08 moderater.

Die Schlussfolgerung der Autoren ist, dass Mütter generell motiviert werden sollten, ihre Kinder mindestens über vier Monate ausschließlich zu stillen. Ein besonderes Augenmerk sollte hierbei auf die geringeren Stillraten der Mütter mit einem höheren BMI gelegt werden.

Hier können meines Erachtens wir Frauenärztinnen und Frauenärzte einen wichtigen Beitrag leisten, da in der Schwangerschaft gesundheitliche Aspekte leichter an die Paare zu vermitteln sind und somit unter anderem eine Motivation zum Stillen erzeugt werden kann. Auch in den Kontakten nach der Geburt sollte das Thema der positiven Aspekte des Stillens berücksichtigt werden und Stillprobleme nicht leichtfertig mit der Alternative des Abstillens beantwortet werden.

Den Kliniken stehen in der Verantwortung den Stillbeginn zu erleichtern, wobei sich der frühzeitige lange Hautkontakt und das Rooming-In als wesentliche Faktoren herausgestellt haben. Besonders unterstützt werden sollten Mütter, die rauchen, Mütter, die eine Sektio erfahren haben und, wie erneut diese Studie nachweist, Mütter mit Übergewichtigkeit.



Prof. Dr. Michael Abou-Dakn
St. Joseph Krankenhaus Berlin Tempelhof
Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe
Michael.abou-dakn@sjk.de


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Aktualisierung: 09.03.2017





Literatur
  • Buyken, A. E., Karaolis-Danckert, N., Remer, T., Bolzenius, K., Landsberg, B., & Kroke, A. (2008). Effects of breastfeeding on trajectories of body fat and BMI throughout childhood. Obesity (Silver Spring), 16(2), 389-395. doi:10.1038/oby.2007.57
  • Donath, S. M., & Amir, L. H. (2000). Does maternal obesity adversely affect breastfeeding initiation and duration? Breastfeed Rev, 8(3), 29-33.
  • Harder, T., Bergmann, R., Kallischnigg, G., & Plagemann, A. (2005). Duration of breastfeeding and risk of overweight: a meta-analysis. Am J Epidemiol, 162(5), 397-403. doi:10.1093/aje/kwi222
  • Owen, C. G., Martin, R. M., Whincup, P. H., Smith, G. D., & Cook, D. G. (2005). Effect of infant feeding on the risk of obesity across the life course: a quantitative review of published evidence. Pediatrics, 115(5), 1367-1377. doi:10.1542/peds.2004-1176
  • Rodekamp, E., Harder, T., Kohlhoff, R., Franke, K., Dudenhausen, J. W., & Plagemann, A. (2005). Long-term impact of breast-feeding on body weight and glucose tolerance in children of diabetic mothers: role of the late neonatal period and early infancy. Diabetes Care, 28(6), 1457-1462.